Welteisterschaften der Masters – Göteborg (Schweden) – 01.-05.08.2010
When the music's over … (by the Doors)
When the music's over … Turn out the lights! - Doch bevor die Lichter ausgingen, hatte Thomas auf den 400mF noch einen Start. Dass das nicht einfach wird nach den harten 200mS vom Vortag war klar. (Und um mir das selber nochmal zu vergewissern, hab ich mir beim Einschwimmen eine 4:53 gegönnt und bemerkt WIE hart das sein kann.) Aber Thomas weckte mal wieder das Moschke-Tier sich und rutschte mit einer bemerkenswerten 4:35,47 noch einmal in die Top 10 Ränge. Und nachdem wir als Zuschauer noch einmal mit den Allerschnellsten mitgefiebert haben („Give him a hand! Cheer him up! - And we have a … new championship record!“) ging es an die Verabschiedungen und wir verließen den größten und bedeutendsten Masters-Wettkampf mit vielen schönen Erinnerungen.
Für einen "größten" Wettkampf muss es auch Superlative geben: 49 Läufe für die 800mF bei den Männern wurden von 9 Uhr morgens bis knapp nach 20 Uhr ausgetragen. 50mF als Wettkampf mit den meisten Teilnehmern hatte dann ganze 135 Läufe zu bieten. Die zweitschnellste Zeit auf 200mF wurde doch tatsächlich in der AK 40 geschwommen: eine beeindruckende 1:53,65 (Vlad Pyshnenko). Und nahezu voll besetzte Läufe über die 200mS schon in der AK 70 haben auch Seltenheitswert. Dass die und die bis zu 15 Jahre älteren Teilnehmer über diese Distanz noch erstaunlich agil und technisch beeindruckend schwammen, musste man einfach einmal erlebt haben.
Als "Nachwuchs-Masters" traten Thomas Moschke (AK 25) und ich (AK 30) bei dieser WM-Masters an mit dem olympischen Gedanken. Doch schon zum Auftakt konnte sich Thomas über 800mF mit 9:39,82 und damit Platz 9 überraschend in die Top 10 der Welt einordnen. Insgesamt 5 Top 10 Platzierungen, einmal Top 5 für Thomas über 200mS und ein völlig überraschender 2. Platz über die 200mR für mich in neuer persönlicher Bestzeit von 2:18,61 komplettierten die Erfolge. Die Dresdner Schwimmer sind also auch im (Masters-)Nachwuchs-Bereich wieder Weltklasse!
Come fly with me, let's fly away! (by Frank Sinatra)
Die Königsdisziplin: 200mS. Für Thomas und mich war es in der Vorbereitung der große Schwerpunkt, auch wenn natürlich jede andere Strecke ebenfalls wichtig war. Der freie Tag zuvor war sehr angenehm – auch wenn wir wirklich sehr faul und kulturtouristisch recht minimal waren. Unser Start schob sich wegen der inzwischen allseits bekannten Verzögerungen stark nach hinten sodass wir erst gegen 17:30 Uhr unsere aufgestaute Energie befreien konnten. Vorher durften wir beeindruckende Rennen in den höchsten Altersklassen bewundern. Was die Herren der AK75 bis 90 da so ins Wasser gezaubert haben, war echt bemerkenswert. Stilistisch und auch von der Gleitgeschwindigkeit war das sehr beeindruckend. Im Gegensatz zu den langen Kanten auf den körperlich weniger anstrengenden Disziplinen, wie Freistil und Brust, waren hier alle Teilnehmer sehr agil und erstaunlich beweglich. - Ein Grund mehr, Delphin-Schwimmer zu sein!
Nach de Start lief es zuerst bombastisch für mich los. Enormer Druck und guter Rutsch mussten kompensiert werden durch gezieltes Bremsen – man will ja nicht sein ganzes Pulver zu Beginn verschießen. Mit einer 29-flach und einer 1:04-Mitte lag ich perfekt im Rennen und war sogar relativ weit vorn. Das ist recht ungewöhnlich, weil oft Gegner von mir zu schnell angehen. Aber die 200mS werden ja nicht von Anfängern geschwommen. Die Anderen wissen ja auch, wie man sich die Kräfte einteilt. Ich hatte jedenfalls wie leider so häufig auf der dritten Bahn meinen größten Schwachpunkt mit einer 36s als Teilzeit – zu langsam. Ich hab schon bemerkt, dass ich da wohl ein wenig zu vorsichtig unterwegs war. Meine Aufholjagt auf der letzten Bahn musste daher etwas intensiver starten, aber ich konnte nicht ganz nach vorn aufschließen. Taktisch hätte ich die dritte Bahn ein wenig motivierter schwimmen müssen, was zwar die letzte Bahn nicht so schnell hätte werden lassen, aber es wäre wohl in Summe besser geworden. So bin ich zu einer tollen 2:15,93 geflogen – meine zweite Zeit unter der 2:16. Das hat für den 7. Platz gereicht – sehr solide.
Vom Europameister Fabien Czachor, der auch „nur“ eine 2:15 geschwommen ist, trennte mich nicht viel und auch Oleg Andronov, der wie in Cadiz direkt neben mir geschwommen ist, hats in die Top 10 geschafft. Mit Fabien und Oleg konnte ich dann noch herrlich fachsimpeln – so langsam komme ich also in den internationalen Masters-Zirkus hinein. ;-)
Ja und vergessen will ich nicht eine grandiose 2:21,74 vom Thomas. Mit einem taktisch ausgezeichneten Rennen (1:06,7 im Angang) rutschte es bei ihm ja schon fast wie zu alten Zeiten. Und ganz nebenbei war das der 5. Platz – na aber Hallo!
Mittendrin, statt nur dabei
Nach dem großartigen Auftakt standen für mich die 400mL auf dem Programm – im Freibad in Lundby. Das Wetter spielte mit und die Sonne schien ziemlich genau von der Seite, sodass sie nur minimal störte. Delphin ging gut los – mit einem der schnellsten Angänge des gesamten Wettkampfes, obwohl ich mich auf eine 1:04,5 beschränkte. Die 200mR steckten mir aber noch ganz schön in den Knochen, was dann schon auf der Teilstrecke Rücken zu bemerken war. Ab Brust musste ich arg mit mir und gegen das Wasser kämpfen und Freistil wurde von Krampfansätzen in den Beinen (und auch am Allerwertesten) begleitet. 5:04 wurden es zum Schluss – eindeutig unter den Erwartungen. Besonders schwer fiel es, dies zu akzeptieren, da eine 5:01,5 für den dritten Platz gereicht hätte, was in der letzten Zeit eigentlich immer bei mir möglich war. Naja … man muss auch mal verlieren können – bzw. sich einfach über den 6. Platz freuen, der noch heraus gekommen ist. Thomas gönnte sich noch eine extrem starke 2:08,7 auf 200mF und der Tag war gerettet.
Am folgenden Tag hatte sich Thomas nur die 50mF vorgenommen, die zwar ganz solide, aber auch nicht besonders aufregend 26,5 endeten. Ich hatte mit 200mL und 100mS gleich 2 schwere Strecken auf meiner Liste. 200mL liefen mit Delphin wieder sehr solide los, waren in Rücken nicht ganz so berauschend, aber noch akzeptabel und dann haperte es wieder bei Brust. Nun, dass ich nicht gerade der Brust-Gott bin, ist hinlänglich bekannt, aber wenns dabei weh tut, ist es eben nicht so „schnell“, wie es theoretisch möglich wäre. Freistil war dann leider ziemlich mit Krämpfen begleitet, sodass ich am Ende nur eine 2:21,7 erreichen konnte. Naja … nicht gerade berauschend, aber irgendwie noch halbwegs akzeptabel. 90min später gings dann auf die 100mS. Die Spritzigkeit war nicht vorhanden, aber es rutschte recht gut. 28,4 im Angang ist gut und 1:00,42 insgesamt ziemlich in Ordnung – schließlich sind die 100mS die von mir am meisten im Wettkampf geschwommene Strecke, wo Bestzeiten nicht unbedingt vom Himmel fallen. Nun, damit ist das Projekt 1min auf 100mS in die nächste Saison verschoben und Thomas und ich fokussieren uns jetzt auf die Königsdisziplin: 200mS.
Aber bevor es weiter geht, haben wir erst mal einen Tag frei, den unsere Muskeln dringend benötigen. Der Freizeitpark Liseberg und ein Ausflug zu den Schäreninseln zum Deutschen Abend sind geplant.
Lasst die Spiele beginnen!
Der erste Wettkampftag besteht aus 800mF – die ganzen Tag, von 9 Uhr bis kurz nach 20 Uhr ausgetragen in 49 Läufen. Thomas hat sich für diese Strecke entschieden. Nachdem wir gegen 6:40 Uhr im Wasser das Einschwimmen beginnen, bei dem die Teilnehmeranzahl irgendwie sehr „überschaubar“ bleibt, fahren wir zurück ins Quartier zum Frühstück. Dann heißt es warten – lange warten. Als dann endlich der Live-Ticker online geht, können wir ruhigen Gewissens abschätzen, wann wir wieder aufbrechen müssen und stellen auch fest, dass der Zeitplan völlig aus dem Ruder gelaufen ist. In wirklich jedem Lauf schwimmt jemand deutlich über der angegebenen Meldezeit. Dann gehts aber trotzdem los und Thomas rutscht ausgesprochen gut und gleichmäßig. Mit 9min39s war das ein echter Kracher. Da sich danach wieder die Schleusen des Himmels öffneten, sind wir ins Hotel zurück gefahren und haben die schnellen Läufe nur noch am Live-Ticker weiter verfolgt. Dort kristallisierte sich so langsam heraus, dass die Konkurrenten von Thomas einer nach dem anderen, nicht antraten oder meist ganz schön schwache Vorstellungen lieferten. So rutschte er Stück für Stück im Ergebnis nach vorn und wurde mit Platz 9 belohnt. Top 10 weltweit, na wenn das nichts ist!
Für mich standen die 200mR als erste Strecke auf dem Programm. Seit mehr als einem Jahr war ich nicht mehr unter die 2min20s gekommen und bis auf die Ergebnisse in Hamburg bei der DMM über die 100mR und die einigermaßen soliden Zeiten über 50m in der letzten Zeit, war auf den Rücken-Strecken irgendwie der Wurm drin. Beim Einschwimmen fehlte dann die Uhr am Beckenrand, sodass die Tempoläufe nach Gefühl geschwommen werden mussten. Unsere Bahn war erstaunlich lange mit nur 3 Personen belegt, sodass ich mir extrem viele Start-Tests gönnen konnte. Und beinahe jeder war extrem kritisch mit der 15m-Tauchgrenze – na prima! Nachdem mein Einschwimmen ein wenig lang war – auch wenn ein sehr großer Teil nur aus Driften nach den Startversuchen bestand – hab ich mich dann auf eine Bank gelegt und versuch ein wenig zu schlafen. Während ich dann mit Bekannten plauderte, rückte der Startzeitpunkt näher, und es ging in den Vorstartbereich. In meinen Lauf fehlen gleich mal 3 Starter. Dann ins Wasser, Start mit nicht ganz so explosiver Reaktion, aber schönem Abdruck von der Wand und 13,5m Tauchphase – ich war erleichtert. Der Brite neben mir legte ordentlich los und ich fühlte mich recht langsam, aber mit 1min07s bei 100m im Durchgang war es eher ein flottes Rennen. Auf der dritten Bahn kamen wie erwartet die Ermüdungserscheinungen, aber da ich ein wenig „langsam“ unterwegs war und mich bremste, waren sie recht gering. Mit dem Gedanken daran, ein furchtbar langsames Rennen zu schwimmen, weil ich zu feige war, nicht wirklich mal Tempo zu machen, ging es in die letzte Wende, nach der ich alles hinein legte, was an Kraft da war. Mit sehr niedriger Frequenz im gesamten Rennen rutschte es dann noch auf der letzten Bahn ziemlich gut. Der Brite neben mir hatte mit der 150m-Wende all sein Pulver verschossen und ging quasi unter. Dann die letzten Meter, an die Wand ran und ein Blick an die Anzeigetafel: verschwommen, nichts zu erkennen, aber spinn ich? Nur 3 Zeiten zu sehen? Dann höre ich den Sprecher, der fast bei jedem Lauf einen Kommentar abgibt und mit unserem Lauf, dem Entscheidungslauf der AK30, den Zieleinlauf durchsagt: 2. Platz für … MICH! - Wahnsinn! Irre!
Vize-Weltmeister – dass muss ich erst mal verdauen. Ok, mit 14s Rückstand zum Ersten, aber hey … das war Razvan Ionut Florea (2min04s), ein ehemaliger Weltklasse-Schwimmer! Und als Krönung oben drauf wurde mir endlich wieder eine Zeit unter der 2min20s-Marke vergönnt: 2:18,61 – Bestzeit (0,09s)!
Vorbereitungen und Anreise
Eine gute Vorbereitung für so einen wichtigen Wettkampf stellt man sich immer gut geplant vor. Wenn man die Vorbereitung aber in Seen und in Freibädern inmitten vom öffentlichen Schwimmen machen muss, ist das nicht so ganz optimal. Aber auch wenn einem dann Kinder ins Kreuz springen, man in irgendwelchen Leuten „einrastet“, auch wenn die eben noch an einer Stelle waren, wo sie genügend Sicherheitsabstand gehabt hätten, so kann man doch mit genügend Enthusiasmus seinen Trainingsstand einigermaßen hoch halten. Rückenschwimmen kann man meist ganz vergessen, weil eine Leine oder gar eine 5m-Leine natürlich purer Luxus sind.
Neben diesen zu erwartenden Schwierigkeiten gesellen sich dann andere, etwas unerwartete Dinge hinzu. Mal stehe ich – zugegebenermaßen bei stärkerem Regen – vor den verschlossenen Toren des Masseneibades in Großröhrsdorf, mal sind gerade an den Tagen, wo ich Rücken-Training auf der Kurzbahn mit hohen Wassertemperaturen geplant habe, die jährlichen Wartungsarbeiten im Hains in Freital-Hainsberg, mal bekomme ich noch mal eben nebenbei einen Weißheitszahn gezogen (was zum Glück eine Sache von 3 Sekunden war) und eine Woche vor der WMM muss mich noch so ein Insekt ins Fußgelenk stechen, sodass ich ein paar Tage kaum auftreten kann und an einem Tag mit Fieber-ähnlichen Symptomen zum Dauer-Schlafen gezwungen werde. Aber kurz vor der WMM war dann alles wieder ok und es konnte los gehen.
Thomas und ich haben uns für die Anreise per PKW entschieden. 11 Stunden ist man von Dresden bis Göteborg unterwegs. Es rollt recht angenehm. Die Distanzen sind bisweilen etwas ungewöhnlich. So meint doch nicht etwa mein Navi während wir in Dänemark sind: „Fahren sie 308km!“. Aber auch diese Dauerfahrt endet irgendwann und wir erreichen unser Hotel im Regen.
Am ersten Tag vor Ort wollen wir das Wasser fühlen und natürlich die örtlichen Gegebenheiten erkunden. Die Schwimmhalle Valhalla hat ein nettes Becken, aber wenig Platz rund um das Becken und die Anzahl der Toiletten ist arg begrenzt. Ich bin gespannt, wie es im Wettkampfbetrieb mit Ruhezone, Zuschauerbereich usw. ablaufen wird. Da es in Göteborg dauerhaft extrem regnet, beschließen wir dem Freibecken Lundby nur einen kurzen Besuch abzustatten. Das Wasser ist warm, es gibt ein Gebäude, in dem man sich aufhalten kann, also werden wir schon irgendwie die Freibecken-Rennen hin bekommen. Im Wasser waren wir bei diesem Regen dann aber nicht mehr.